"Was bleibt, ist immer das, was man gesehen hat."

(Zitat des Künstlers)

 

Eröffnungsreden des Künstlers Fritz Thiem waren legendär. In einer Mischung aus Vorlesung, Philosophiegespräch und Bildbetrachtung nahm er seine Besucher mit in eine enzyklopädische Welt der vielfältigen Bezüge und Perspektiven, die bei immer auch mit fundiertem Weltwissen verknüpft waren.

 

Er konnte Verbindungen zwischen einem Einkaufszettel und der äthiopischen Schriftentwicklung herstellen, aus Kreuzworträtseln entwickelte er großformatige Linolschnitte als Sinnbild für die Zusammenhänge zwischen Wort und Bild. In der Zeichenhaftigkeit der sichtbaren Welt entdeckte er immer wieder neue Assoziationen und Schnittstellen. Zwischen Alltag und Kunst gab es für ihn keine Grenzen. Seinem verknüpfendem Denken kam die Technik der Collage entgegen, im künstlerischen Verfahren des Hochdrucks entdeckte er eine Möglichkeit, Gedanken über das Schneiden, Wegnehmen, Abstrahieren und Reproduzieren in eine andere Materialität zu übertragen. Fritz Thiem setzte alles miteinander in Verbindung und fand damit einen geistigen Reichtum, der materiellen Besitz nebensächlich machte. Das Mit- und Gegeneinander von Sprache, Begriff, bildlicher Vorstellung und ästhetischer Erfahrung waren Prozesse, die ihn gedanklich und bildnerisch beschäftigten. Seine Arbeiten verweben auf komplexe Art zeitgeschichtliche Reflexion, literarische Bezüge und biographische Arbeit.

 

Fritz Thiem wurde 1939 in Weiden geboren . Er studierte Bildende Kunst an der Ecole de Beaux Arts in Paris und an der Kunstakademie in München und war in der Region im Schuldienst tätig. Einige Jahre verbrachte er in Berlin. Mit seiner 2008 verstorbenen Ehefrau Christa verband ihn eine enge künstlerische Partnerschaft. Seine an multipler Sklerose erkrankte Partnerin pflegte er liebevoll bis zu deren Lebensende.

 

Fritz Thiem war Mitglied im Kunstverein Weiden und nahm an wichtigen Ausstellung des zeitgenössischen Kunstbetriebs teil. 1994 stellte er zusammen mit dem 1988 verstorbenen Künstler Max Bresele in der Max Reger Halle aus, 2017 wiederholte sich die Begegnungen der Werke im Kunstverein in der Ledererstraße. 2016 wurde Fritz Thiem auch Mitglied im Oberpfälzer Kunstverein und war ebenso gern gesehener Gast bei den Veranstaltungen der Jugendkunstschule im Kunstbau. Zuletzt stets mit dem Fahrrad und einer Thermoskanne unterwegs, begegnete man dem künstlerischen Urgestein auf vielen Kunstveranstaltungen der Stadt.

 

Ya es hora – dies ist die Stunde: Mit dem Titel einer Grafik des von ihm sehr geschätzten Künstlers Francisco de Goya, hat Fritz Thiem sein letztes Vermächtnis überschrieben. Am 19.12. ist Fritz Thiem im Alter von 81 Jahren den Folgen eines Schlaganfalls erlegen. Weiden verliert mit ihm einen großartigen Künstler, einen humorvollen und hintergründigen Denker, Philosophen und Menschen.

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