Von Bernhard M. Baron, Dipl.-Verwaltungswirt (FH), OKV-Ehrenmitglied  

 

Die heutige Oberpfalz, der Landstrich zwischen Stiftland und Regensburg, der ursprüngliche historische “Nordgau”, ist eine klassisch gewachsene deutsche Kunstlandschaft mit reizvollen Zielen und interessanten Künstlernamen.

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Der traditionsreiche “Oberpfälzer Kunstverein Weiden” (OKV), unter ihnen der langjährige Kurator und Bildhauer (böhmischer Herkunft) Günther Mauermann, ist für seine hohen Ansprüche und Erwartungen überregional bestens bekannt. Belegt durch Namen und Mitglieder repräsentiert der OKV unter dem Vorsitz der agilen Irene Fritz den gesamten Regierungsbezirk Oberpfalz.

Somit stehen nicht nur für die „Jugendstil-Stadt“ Weiden markante Namen wie Franz Friedrich, Eduard Götz, Wilhelm Vierling, Josef Linhardt oder Friedrich Roscher, -  der geistige Hintergrund einer wirklichen Tradition der OBERPFÄLZER KUNSTLANDSCHAFT ist lokal-geographisch viel breiter anzusiedeln. Er umfasst das ganze künstlerische kulturgeschichtliche Spektrum.

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Am Anfang steht Albrecht Altdorfer (um 1430 – 1538), der Regensburger Maler, Graphiker und Hauptmeister der „Donauschule“, der Schöpfer des modernen Landschaftsbildes („Donaulandschaft mit Schloss Wörth“, um 1522). Ignatz Günther (1725 – 1775) war der führende Bildschnitzer des bayerischen R o k o k o, vorangegangen ist ihm der Waldsassener Bildhauer Carl Stilp (1668 – 1735). Bleibend sind auch die Werke der großen Künstlerfamilien Asam und Dientzenhofer in der Oberpfalz. Nicht zu übersehen in der Kreisstadt Neustadt a. d. Waldnaab das Lobkowitzer-Schloss des Italieners Antonio de la Porta.

Vieltalent Johann Wolfgang von Goethe skizziert auf seiner ersten „Italienischen Reise“ im September 1786 die Bleistift-Zeichnung „Donau bei Regensburg“. Der großartige englische Landschaftsmaler William Turner reist (von Venedig aus kommend) durch die Oberpfalz (Richtung Coburg) und malt im September 1840 „The Opening of the Walhalla“. Das Gemälde hängt heute in der Tate Gallery in London. Bereits 1839 hatte Leo von Klenze die von ihm entworfene „Walhalla“(zusammen mit der benachbarten Salvator-Kirche) in der weiten Donaulandschaft gemalt.

Carl Spitzweg, der malende Apotheker, verewigt 1858 in Schwandorf den historischen „Blasturm“ – den Wohnsitz des Komponisten unserer Bayern-Hymne Max Kunz - als Naturstudie mit dem Titel „Schwandorfer Stadtturm im Mondschein“. Es ist heute in der „Städtischen Sammlung Schweinfurt“ zu sehen.

Der Philosoph Friedrich Wilhelm Nietzsche zeichnet auf seiner „Reise in den Böhmerwald“ im August 1876 in Regensburg und begnügt sich mit einem Wirtshausschild.

Wassily Kandinsky, russischer Maler und Mitbegründer der expressionistischen Künstlergemeinschaft „Blauer Reiter“, entdeckt im Sommer 1903 Kallmünz und die dortige Künstlerkolonie. Kandinsky, Oberhaupt der „Gruppe Phalanx“, kommt aber auch nach Nabburg und skizziert dort. In Kallmünz verlobt sich (der bereits in Russland verheiratete) Kandinsky mit der oberbayerischen Malerin Gabriele Münter.

 Im Sommer 1942 agiert der Luftwaffen-Funker Joseph Beuys (1921 – 1986) auf dem Weidener „Feldflugplatz“ Maierhof bei Rothenstadt. Was der spätere documenta-Aktionist hier gezeichnet hat – und er zeichnete in jenen Jahren schon viel und gut! – ist uns bis heute leider nicht bekannt, da bei vielen seiner damaligen „Flugplatz“-Zeichnungen Ortsangaben fehlen…

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird für den Schlesier Willi Ulfig (1910 – 1983) Regensburg seine neue künstlerische Heimat. Das Atelier des bedeutendsten Regensburger Künstlers war gleich neben dem Dom, und das riesige Dachfenster zeigte direkt auf die gotische Fassade von St. Peter. Willi Ulfig war auch der Repräsentant der aktiven „Donau-Wald-Gruppe“.

Ein „Zougrouster“ (= Zugereister) war auch Kurt von Unruh (1894 – 1986), der 1941 an die Burg Regenpeilstein zog und seit 1952 in Roding ansässig war. Der General-Spross und Bruder des Dramatikers Fritz von Unruh, ist in seiner ganzen künstlerischen Arbeit (seit 1913) in genialer Weise von der inneren Vision erfüllt, die er mit seinem Stift zu packen versucht.

Der wohl bekannteste Oberpfälzer Maler und Zeichner der Gegenwart ist zweifellos Michael Mathias Prechtl (1926 – 2003), ein gebürtiger Amberger. Durch seinen langjährigen Wohnort Nürnberg gilt er als Franke. Weiterhin bleibt er der Oberpfalz verbunden. 1960 schneidet er 28 Holzstiche zu Schönwerths „Oberpfälzer Sagen“ – eine Hommage an seine Oberpfälzer Heimat. Prechtl illustrierte bereits 1952 Anton Wurzers „Steinpfälzer Schelmenspiegel“. Die jahrelangen Titelbilder des Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL und klassische Buchillustrationen machten Prechtl letztlich zu einem populären Zeichner von Weltruf.

Umgekehrt gilt der in Amberg lebende und arbeitende Künstler Günter Dollhopf (Jg. 37) als Oberpfälzer. Der in Nürnberg Geborene lehrt von 1973 – 1997 als Professor an der Nürnberger Akademie.

In den   60er Jahren  setzt in München die 1957 gegründete Künstler- „Gruppe Spur“ (- 1965) unter den Malern Heimrad Prem, Helmut Sturm, HP Zimmer und dem Bildhauer Lothar Fischer  avantgardistische Akzente. Sie gelten kunstgeschichtlich als die Vorläufer der „neuen Wilden“. Museen in Cham (seit 1991) und Neumarkt (seit 2004) widmen sich ihrer Kunst, da die Lebensläufe in die Oberpfalz weisen.

1974 organisiert der Amberger Student an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg, Achim Hüttner, in der Pestalozzischul-Turnhalle eine Ausstellung mit Wilhelm Manfred Raumberger, Alfons Schäffer, Hans Wohlrab, Uli und Hans Lauter und Heini Hohl. Es wird dies ungewollt die Geburtsstunde der „Gruppe Amberger Künstler“ (GAK) – wobei der Name erst zwei Jahre später entstand. Dazu kamen noch Helmut Rösel, Günter Dollhopf, Gerd Fischer, Hans Ferstl, Bernd Trepesch und Angela Steinkohl. Jahresausstellungen in Amberg folgen Gastausstellungen auch in Weiden, Karlsruhe, Schweinfurt, Neumarkt, Straubing – aber auch in Italien, Frankreich und Finnland. Gruppenkataloge halten das Geschehen fest. Die „GAK“ hat das Kulturleben der Stadt Amberg, „der heimlichen Hauptstadt der Oberpfalz“ kontinuierlich mitgeprägt. Groß ist aber auch die Zahl der bedeutenden Gastaussteller wie etwa Wolfgang Herzer (Weiden), Helge Weindler (München), Manfred Dinnes (Regensburg) oder Max Bresele (Schwarzhofen), die das Spektrum der „Gruppe Amberger Künstler“ entsprechend bereichern. Ausstellungsräume der „GAK“ sind das Amberger Stadtmuseum und die dortige „Alte Feuerwache“.

 Für die vielen Namen der Oberpfälzer Maler und Grafiker stehen stellvertretend der Meister der Oberpfälzer Moderne, der Nabburger Paul Schinner (geboren 1937 in Windischeschenbach), eines exzellenten zeichnerischen Bildkünstlers mit beeindruckenden visuell-humanitären Beiträgen   u n d   Rupert D. Preißl (1925 – 2003), der sich noch besonders an Oskar Kokoschka orientierte. Als langjähriger „Präsident des Oberpfälzer Kulturbundes“ (OKB) war Preißl vor allem für das Gelingen der traditionellen Oberpfälzer „Nordgautage“ zuständig. Und immer wieder setzen individuelle kreative Oberpfälzer – wie der Fronberger Objektkünstler Max Bresele (1944 – 1998), der Mitterteicher musische Mehrfachkünstler Jeff Beer (Jg. 1952), der Waldthurner Kirchenrestaurateur Ludwig „Wigg“ Bäuml (Jg. 54) – jetzt BBK-Vorsitzender mit Wohnsitz im Kandinsky-Ort Kallmünz -  oder der Flosser „Schöpfungs“-Maler Karl „Charly“ Aichinger (1951 - 2014) – ihre akzentreichen Wegmarken.

Ein Künstler, der auch immer gleichzeitig gesellschaftspolitisch agiert, ist der aus Altenstadt an der Waldnaab stammende Jürgen Huber (Jg. 54). Der gelernte Buchdrucker ist Mitbegründer des Regensburger Kartenhaus Druck- und Verlagskollektivs, das er jedoch wegen seiner eigenen Kunstausrichtung wieder verlässt. 1985 – 1992 ist Jürgen Hubert Mitglied der überregional erfolgreichen Künstlergruppe WARUM VÖGEL FLIEGEN. 2002 beteiligt er sich an der Gründung des Kunstvereins GRAZ, dessen Vorsitzender er bis 2010 ist.

Die politische Sozialisation erhält Jürgen Huber im Widerstand um die WAA Wackersdorf. Er wird Mitglied der GRÜNEN, ist dort Sprecher im Landesarbeitskreis Kultur und seit 8. Mai 2014 dritter Bürgermeister in Regensburg.

Es sind nicht nur die Künstler, die das Profil gestalten, sondern es ist auch die beeindruckende   Museen - Landschaft der Oberpfalz. Es sei hier vor allem auf das „Museum Ostdeutsche Galerie“ (begründet 1966) in dem reizvollen Jugendstilbau des Jahres 1910 im Regensburger Stadtpark hingewiesen, das Gemälde, Graphiken und Plastiken von namhaften Künstlern aus den ehemaligen deutschen Kultur- und Siedlungsgebieten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa enthält: Adolph von Menzel, Emil Orlik, Ernst Ludwig Kirchner oder Oskar Kokoschka lassen grüßen. Aber auch zeitgenössische Künstler wie Anselm Kiefer oder Bernhard Heisig zählen dazu. Zahlreiche Sonderausstellungen (O. H. Hajek, Janosch, Lovis Corinth, Ludwig Kirchner und zuletzt Oskar Kokoschka) setzen überregionale, grenzüberschreitende Akzente.

Neue Wege in der Kunst geht Wilhelm Koch mit seinem 2006 im Amberger „Klösterl“ begründeten „Luftmuseum“ (ursprünglich „Gummeum“ genannt), das in Kunst-Architektur-Design-Technik wohl weltweit das erste und einzige Luft-Museum darstellt. Wilhelm Koch ist auch der Initiator der „Glyptothek Etsdorf Oberpfalz“, dessen Freundeskreis sich im März 2007 gründete – mit einem „Volksspatenstich“ am 12. September 2010. Wilhelm Koch will – basierend auf dem europäischen Grundgedanken - ein „Gesamtkunstwerk, eine Ausstellungshalle, einen Kultur-Tempel“, angelehnt an die Oberpfälzer „Walhalla“, die „Glyptothek München“ und dem Aphaia-Tempel auf der griechischen Insel Aigina. Lassen wir uns überraschen!

Besonders erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang das „Oberpfälzer Künstlerhaus“ des Bezirks Oberpfalz in der „Kebbel-Villa“ in Schwandorf-Fronberg, das von 1988 bis 2013 fünfundzwanzig Jahre lang unter der versierten Leitung des Grafikers Heiner Riepl (Jg. 48) überregionale Akzente setzt, die bis Skandinavien und USA reichen. Ab 2014 agiert Andrea Lamest als seine Nachfolgerin…

Mit einer originellen Idee kommt 1993 der Schrobenhausener Allround-Künstler Heiko Herrmann (Jg. 53) in den kleinen Ort Pertolzhofen (Gemeinde Niedermurach) im reizvollen Schwarzachtal und gründet dort aus Freude an der Kunst und am Leben die „Pertolzhofener Kunstdingertage“, deren legendärer Organisator er bis 2010 ist. Als kleinste Kunsthalle Deutschlands agiert dort (in einem Seecontainer) die „Kunsthalle Pertolzhofen“ als freies Angebot für zeitgenössische Künstler und kunstinteressierte oder neugierige Besucher…

Der Neustädter Kunst- und Kulturverein „Hausfluss e. V.“ (= Haus am Fluss) setzt seit 1997 in der Kreisstadt an der Waldnaab – architektonisch repräsentiert durch die denkmalgeschützte „Alte Schießstätte“ – vielfältige Multi-Kunst-Aktionen. Dank der Initiative von Josef Weber verknüpft der rührige Neustädter Kunstverein den symbolischen Gegensatz: das statische Haus am dynamischen Fluss. Etabliert haben sich zwischenzeitlich die jährlichen Freiluft-Programmkinotage im Sommer, wechselnde Raum-Installationen, skulpturale Ausarbeitungen von „Standpunkten“ sowie mehrtägige Workshops mit Studenten verschiedener Hochschulen.

Über 100 vielfältige bunte Kunstaktivitäten trafen seit der Gründung so auf neugierige, interessierte Besucher aus nah und fern.

Seit Jahren leitet die versierte Kunstpädagogin und freischaffende Malerin Irene Fritz erfolgreich die „Kulturwerkstatt Kalmreuth“ bei Floß (LKr. Neustadt a. d. Waldnaab) – eine Kunstschule für Kinder, Jugendliche und Familien im ländlichen Raum. Sie bietet Raum für spielerische Experimente und Mut zur Phantasie. Im November 2012 eröffnete die vielseitig engagierte Irene Fritz als Zweigstelle den „Kunstbau Weiden“ in Weiden i. d. OPf. (Hinterm Wall 10) als ideale Verbindung einer „Landkunstschule“ mit dem kulturellen Potential einer Oberzentrums-Stadt.

Wenn wir in die Gegenwart kommen, so stellt man fest, dass die Bildende Kunst gegenwärtig in der Oberpfalz eine Renaissance erlebt. Dazu tragen auch die verschiedensten Galerien und Kunst – Initiativen bei – mit teils grenzüberschreitenden Aktionen und Workshops. So kommt es unter Initiative vom Vorsitzenden des „Weidener Kunstvereins“ Wolfgang Herzer als engagiertem Netzwerker, der schon 1987 mit Alfred Hertrich und Erwin Schlott in Windischeschenbach die „FUTURA-artothek“ begründet hat, zur Gründung der Kulturkooperative KoOPf.  Der hohe Qualitätsanspruch verleiht der einheimischen Kunst und Kultur – dazu zähle ich auch das ausgezeichnete „Freie Institut für Kunst + Design“ der beiden Neustädter Künstler Lilo und Max Fischer - entsprechendes Gewicht in der Oberpfalz.

Eine visuelle niveauvolle Bestandsaufnahme ostbayerischer KünstlerInnen ist auch der vom Regensburger Kartenhaus Kollektiv alljährlich edierte „Kunstpartner-Kalender“ – übrigens ein Sponsorenprojekt der KUNSTPARTNER-Galerie in Adlmannstein. Alljährlich werden die im Kunstkalender gezeigten thematischen Motive im Regensburger Kunstmuseum Leerer Beutel ausgestellt – getreu dem Motto: „Wer Kunst kann, kann alles!“

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Dies ist eine kleine Blütenlese, sie ist auch als ein Lobpreis auf unsere Kunstlandschaft Oberpfalz gedacht. Wie in vergangenen Zeiten ist auch in der Gegenwart unsere Heimat wieder eine wichtige BRÜCKE ZWISCHEN OST UND WEST („Grenzland – Brückenland“ lautet schon 1991 das Thema der 7. Weidener Literaturtage und „Brückenbauer“ heißen die Kulturpreise des kreativen Bayerisch-Böhmischen Kulturzentrums – auch CENTRUM BAVARIA BOHEMIA  (CeBB) genannt - in Schönsee). In dieser Tradition sieht sich auch der OKV Weiden mit seiner plakativen Wanderaktion „Farbe auf der Strasse“, die im Wechselrhythmus mit böhmischen Künstlern der „Union Bildender Künstler“ (Pilsen) durchgeführt wird.

Wie in vergangenen Zeiten, als die „Goldene Straße“ 1316 von Nürnberg durch die Oberpfalz und Böhmen ins „Goldene Prag“ führte, später die „Reichsstraße 14“ folgte und seit 1989 die Bundesautobahn 6 „Via Carolina“ an die klangvolle Tradition der renommierten Handelsstraße erinnert, ist auch heute unsere Heimat Oberpfalz wieder eine wichtige kulturelle Brücke zwischen Ost und West.

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Die Oberpfalz ist eine klassische Kunstlandschaft, die es wert ist, wieder (visuell & touristisch) neu entdeckt zu werden. Diese Art-Tour lohnt sich!

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